Ludwig Mathar über sich selbst Stationen meines Lebens Eine Selbstbildnis Mit fünf Jahren dem Bannkreis des Städtchens entlaufen, um nachzuschauen, wo die Welt mit Brettern zugenagelt ist da drunten im Tale der schäumenden jungen Rur, da drüben über den lichtgrünen, himmelhohen Eifelbergen. Mit zehn Jahren als Schiffskapitän stattlicher, mit Pech kalfaterter Fregatten, als Lenker wohlausgerüsteter väterlicher Zigarrenkistchen, als Kolumbus der Rur, als Robinson des Venns entdeckungslustig auf allen Tümpeln des heimischen Tales, in allen Schlupfwinkeln des geheimnisvollen Venns. Räuberhauptmann der Gasse, Generalissimus der Stadtjugend mit Achselklappen und galonierten Hosen. Von der Großmutter verhätschelt, vom Ohm Jitt, dem Kupferschmied und heimlichen Künstler, eingeweiht, von der vennrauhen und doch herzensgütigen Mutter mit geschwungenem Teppichklopfer zurechtgewalkt, vom Lehrer als "Giftbremse' in den Käfig des Arrestes gesperrt. Schon damals daheim auf sauber gemalten Landkarten, in Paris fo gut wie in London und Rom. (Das oder Ahnliches lest in meinem erften Roman "Die Monfchäuer".) Mit fünfzehn Jahren Schrecken des gestrengen Rektors der Lateinschule des Städtchens, Liebling des Lehrers in Geographie und Geschichte, auf einmal ein Paulus aus einem Saulus, als ein Oheim und Abt und Bischof aus San Paolo fuori le rnura, aus dem Ewigen Rom, unter Triumphbögen und Böllerschüssen seinen hochfeierlichen Einzug ins Heimatstädtchen hält. Die von dem Klugen gesetzte Wartezeit hält der Schwärmer, der keine Messe, keinen Rosenkranz versäumt, nicht aus. Er, der noch nie mit dem Dampfroß gefahren, macht gleich in einem Zuge die Reife von Köln nach Rom, den Rhein hinunter, über die Alpen, durchs hochgelobte Land der Sehnfucht, Italia. Ein Kolumbus im Kloster, ein Conquistador in der Kutte! Ein Entdecker der Campagna, ein Räuberhauptmann der Sabina, ein Generalissimus der Alumnen von San Paolo. Sie waren heilfroh; auch der Oheim und Abt, als sie mich los waren. (So zu lesen in dem Roman "Die ungleichen Zwillinge".) Mit zwanzig Jahren einem erzbischöflichen Konvikt entlaufen, Primaner im altberühmten K.K.G., Kaifer-Karls-Gymnasium, in der weiland Reichs- und Krönungsstadt Aachen, heimlicher Bräutigam und Dichter, Wanderer im Aachener Reich, sonntags mit getreuen Genossen, montags katerkläglich allein im herrlichen Aachener Wald. Home weiter