Ludwig Mathar über sich selbst Einer von jenen unverbesserlichen Monschäuern und Kleinstadtbürgern, die erst am neunten Tage sehend, im dritten Jahre laufend werden, dann aber auch die Dummheiten der andern durch ein siebenzölliges Tannenbrett sehen. Monschau, das herrliche Städtchen zwischen Rur und Venn - Heimat, so lustig, so schön, ward auch ihm alles. Damals schon erahnte in diesen engen, kühlen Gassen, auf diesen hohen zerklüfteten Bergen, in diesen ernsten, rauschenden Wäldern, auf diesem unendlichen, todestraurigen Venn der zukünftige Dichter der »Monschäuer«, des »Glücks der Oelbers«, der »Fünf Junggesellen«, der »Ungleichen Zwil-linge«, des »Armen Pliilibert«, der altfränkischen, aber lustigen Mär von »Settchens Hut« das Wesen der Heimat, die er mit aller Leidenschaft der Jugend und seines ganzen heißhungrigen Wesens kennen und lieben lernte, die er als reifer Mann mit allen Farben seiner Kunst malen sollte. Aber auch einer dieser Monschäuer Weltbummler war er, die kaum flügge geworden, dem Bändel der Mutter, dem Bakel des Schulmeisters entlaufen, mit Luchsaugen, Fuchsohren in die weite, bunte, lockende Welt hinaus wollen. Die auf allen Landstraßen von Monschau bis nach Petersburg, Madrid und Konstantinopel als saugrobe, aber schalkhafte, welterfahrene Fuhrleute, als Kaufleute von Format jenes weltberühmten Monschäuer, eisenstarken, pickfeinen Tuches zu Hause waren, dessen Ruhm erstrahlte bis nach Berlin, der Hauptstadt des Alten Fritzen, der seine Schlachten in blauen und starken Monschäuer Monturen schlug, bis nach Cottbus in der Lausitz, bis nach Rußland und Polen, nach der Tuchstadt Lodz und Bialystock, bis in den Harem des Großtürken, wo das Drap de Serail, farbenbunt die Schönen entzückte. Die später, als vor dem Glanze Aachens und Englands der Ruhm des ursoliden Monschäuer Tuches erbleichte, als Direktoren von Sparkassen, als Ordensbrüder und Äbte, als Bürgermeister und Oberlehrer, als Lampenreisende und Versicherungsbeamte, als Prokuristen und Fabrikanten in der weiten, gastlichen Fremde ihren angesehenen Beruf, ihr bekömmlicheres Brot fanden. Die aber alle ihr Ruhealter, als Rentner, als Pensionierte in Monschau verleben wollen, womöglich im eigenen Häuschen, hochoben an der Halde, wo man Stadt und Bach und Berg ganz behaglich. die lange Pfeife im Munde, den Bierkrug auf dem Tisch, das Sonntagsblättchen in der Hand, von oben bis unten übersehen kann. Deren Lebenstraum dann ganz erfüllt ist: Heimat ist alles! Ja, das unruhige Blut der Ahnen, die Nationalsucht der Monschäuer lockte auch ihn von frühester Jugend an in die Ferne. Mit fünf Jahren dem Bannkreis des Städtchens entlaufen, um nachzuschauen, wo die Welt mit Brettern zugenagelt ist. Mit zehn Jahren Schiffskapitän stattlicher, mit Pech kalfaterter Fregatten, als Lenker wohlausgerüsteter väterlicher Zigarrenkistchen, als Kolumbus der Rur, als Robinson des Venns entdeckungslustig auf allen Tümpeln des heimatlichen Tales, in allen Schlupfwinkeln des geheimnisvollen Venns. Home weiter zurück